Volker Ulbricht: „Wir führen im Gläubigerschutz“

Volker Ulbricht, Hauptgeschäftsführer Verband der Vereine Creditreform

Der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Vereine Creditreform spricht im Interview über neue Chancen im Geschäft mit der öffentlichen Hand, das Image von Inkassounternehmen und die Perspektiven beim Thema Insolvenzanfechtung.


Herr Ulbricht, die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist im vergangenen Jahr erneut gesunken. Da könnte mancher Wirtschaftsakteur sorglos werden und in Versuchung geraten, auf Auskünfte zu verzichten. Geht Creditreform die Arbeit aus?

Das Gegenteil ist der Fall. Richtig ist, dass im vergangenen Jahr weniger Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben mussten als im Jahr zuvor. Aber nach wie vor bewegt sich die Zahl der Insolvenzen auf einem hohen Niveau. Die Schäden erreichen zweistellige Milliardenbeträge und Jahr für Jahr verlieren mehrere Hunderttausend Menschen den Job, weil ihr Arbeitgeber zahlungsunfähig wird. Hinzu kommt: Insolvenzen sind immer nur das Ende eines oft langen, traurigen Prozesses. Und schon in dieser Phase des Niedergangs können Gläubiger massiv Schaden erleiden.

….. weil sie viel Zeit investieren müssen, um an ihr Geld zu kommen?
Richtig. Selbst wenn ihre Rechnungen am Ende beglichen werden, geht dieser Mehraufwand zulasten ihres Ergebnisses. Das kann schnell zu einem Problem werden, denn aufgrund des starken Wettbewerbs sind die Margen in vielen Branchen sehr schmal. Und noch etwas darf man nicht vergessen: Es gibt sehr wohl Wirtschaftszweige, in denen die Zahl der Insolvenzen zuletzt schon wieder gestiegen ist. Vor allem manche exportstarke Unternehmen des produzierenden Gewerbes haben es infolge des Russland-Embargos und der Schwäche der BRIC-Staaten nicht leicht.

Die Digitalisierung hat etablierten Anbietern von Wirtschaftsinformationen eine neue Art von Wettbewerbern beschert – Firmen, die per Internetrecherche Informationen sammeln und dies als qualifizierte Auskunft anbieten. Wie stellt sich Creditreform dieser Herausforderung?
Einfach nur Daten zu sammeln, die öffentlich verfügbar sind – das kann doch nur die Basis für qualifizierte Wirtschaftsauskünfte sein. Entscheidend ist die Analyse und Bewertung der Informationen. Diese Leistung können aber nur hochqualifizierte und in der örtlichen Wirtschaft gut vernetzte Mitarbeiter erbringen, wie sie Creditreform hat. Wir sind mit unseren Büros flächendeckend vertreten. Das ist das Gegenmodell zu zentral aufgestellten Organisationen, die weit weg sind vom Objekt der Betrachtung und die lediglich Informationen aus dem Netz recherchieren. Unsere Leistungen gehen weit über das hinaus, was eine synthetische Recherche ergibt. Das ist jedem Nutzer sehr schnell klar.

Bei Verbraucherschützern und Medien haben es Inkassounternehmen bisweilen schwer. Immer wieder ist die Rede von unseriösen Geschäftspraktiken. Erst kürzlich haben Verbraucherschützer mehr als 1.500 Beschwerdefälle zusammengetragen. Gemessen an der Gesamtzahl der Inkassofälle ist das eine Marginalie – aber diese Beschwerden vermitteln ein schiefes Bild der Branche. Was lässt sich da unternehmen?
Bei dieser Diskussion geht verloren, dass weit mehr als 99 Prozent aller Inkassofälle geräuschlos ablaufen. Die 1.500 Vorgänge, die die Verbraucherschützer öffentlich gemacht haben, sind gemessen an den sechs bis acht Millionen Inkassofällen, die im gleichen Zeitraum von der Branche bearbeitet wurden, nicht einmal in Promille zu messen. Zudem handelte es sich um in mehrfacher Hinsicht völlig atypische Fälle, die mit dem Alltagsgeschäft des Inkasso nichts zu tun haben. Die Gründe, die den Forderungen zugrunde lagen, waren eher exotischer Art: Glücksspiele, Datingportale. Ein Drittel der involvierten Unternehmen stammte nicht aus Deutschland …

… trotzdem greifen Verbraucherschützer diese Fälle immer wieder auf.
Deshalb sprechen wir mit den Verbraucherschützern. Wir bieten unsere Unterstützung bei der Aufklärung solcher Vorgänge an. Ich würde mir wünschen, dass sich alle Beteiligten um mehr Objektivität bemühen. Und nicht Ausnahmen zum Normalzustand stilisieren. Inkasso findet typischerweise statt für Forderungen von Versandhändlern, Versicherungen, Energieversorgern, Großhändlern, Handwerkern, Banken und Telekommunikationsunternehmen. Dabei handelt es sich um eindeutige, berechtigte Forderungen. Das Problem ist nicht die Qualität der Forderungen. Das Problem ist die Qualität der Schuldner.

Gemessen an der Zahl der Kunden ist Creditreform klar die Nummer eins im Inkassogeschäft in Deutschland. Beim „Mengeninkasso“ sind zwei, drei Anbieter stärker.
Wir fühlen uns sehr wohl mit unserer starken Position und müssen uns vor niemand verstecken. Man darf die Perspektive nicht auf das Inkasso verengen. Es geht um Gläubigerschutz, um die Prävention von Zahlungsausfällen und am Ende um die Realisierung von Forderungen. Creditreform ist die größte Gläubigerschutzvereinigung in Deutschland. Und was das Inkasso betrifft, so sind wir aufgrund unserer Historie und unseres Selbstverständnisses in einer völlig anderen Position als so mancher Mitbewerber.

Inwiefern?
Wir sind konzernfrei und unabhängig. Wir sind keine Ausgründung eines großen Konzerns, der von seiner Muttergesellschaft mit erheblichen Volumina an Forderungsfällen versorgt wird und daneben vergleichsweise wenige Kunden hat. Creditreform ist in allen Branchen und Marktsegmenten präsent. Das macht uns stark.

Es wird viel über das schlechte Forderungsmanagement der öffentlichen Hand geredet. Da müssten sich doch Betätigungsfelder für Creditreform ergeben?
Viele Kommunen haben aufgrund fehlenden Personals und schlechter technischer Ausstattung große Probleme, ein zeitgemäßes Forderungsmanagement zu betreiben. Die Volumina, um die es dabei geht, sind erheblich. Es gibt Schätzungen, wonach die Kommunen etwa 20 Milliarden Euro uneinbringliche Forderungen vor sich herschieben. Da geht es um Kindergartenbeiträge, Friedhofsgebühren, Unterhaltsvorschüsse und vieles mehr.

Suchen die Kommunen denn Unterstützung bei privaten Dienstleistern?
Die Berührungsängste nehmen ab. Immer mehr Kommunen arbeiten mit uns zusammen. Anfangs fürchtete mancher, es könnten Arbeitsplätze wegfallen, wenn Private beim Forderungsmanagement helfen. Inzwischen ist der Personalabbau in der Kassenverwaltung aber so weit fortgeschritten, dass die wenigen verbliebenen Mitarbeiter sich nicht mehr um ihren Job sorgen müssen. Ohnehin sind solche Ängste unbegründet, denn wir treten nicht an, um unseren Auftraggebern den Arbeitsplatz streitig zu machen, sondern um gemeinsam bessere Resultate zu erzielen.

Rechtlich ist nicht zu beanstanden, wenn Private, sagen wir, von der Kommune gezahlte Unterhaltsvorschüsse zurückfordern?
Nein. Es ist absolut zulässig, dass sich die öffentliche Hand bei der Erfüllung ihrer Aufgaben von privaten Unternehmen helfen lässt. In Ländern wie Großbritannien oder Spanien ist das längst üblich. In Deutschland ist dieses Denken noch nicht weit verbreitet. Um Gewohnheiten zu ändern, benötigt man Zeit. Wir bohren dieses dicke Brett beharrlich. Denn es ist für alle ein Gebot der Vernunft, die erheblichen Reserven zu heben, die in der Ineffizienz des öffentlichen Forderungsmanagements liegen. Das entlastet den Steuerzahler und verbessert die finanzielle Situation der öffentlichen Haushalte.

Wie viel des Creditreform-Geschäfts stammt heute schon aus dem Bereich der öffentlichen Hand?
Etwa zehn bis 15 Prozent. In Anbetracht des großen Potenzials ist das viel zu wenig. Wir bearbeiten dieses Feld mit zunehmendem Erfolg. Aber wir brauchen viel Geduld. Gut möglich, dass Geschäfte mit der öffentlichen Hand in fünf bis sieben Jahren ein Viertel unseres Geschäfts ausmachen.

Kleine und mittelgroße Unternehmen sind besorgt über die Entwicklung beim Thema Insolvenzanfechtung. Sie fürchten, dass Insolvenzverwalter immer häufiger Zahlungen zurückfordern, die vor vielen Jahren erfolgt sind – und damit ihren Betrieb in finanzielle Bedrängnis bringen. Warum dauert es so lange, bis der Gesetzgeber merkt, dass hier eine Entwicklung aus dem Ruder gelaufen ist?
Leider hat die Rechtsprechung dazu beigetragen, dass ein Gesetz, das sich gegen vorsätzliche Benachteiligungen von Gläubigern richtet, jegliche Konturen verloren hat. Das hat Insolvenzverwaltern die Tür zu einer Praxis geöffnet, die stark zu beanstanden ist. In vielen Branchen ist es üblich, dass die Liquiditätssituation von Unternehmen schwankt und Schuldner deshalb Ratenzahlungen oder Stundungen erbitten. Daraus den Schluss zu ziehen, der Gläubiger sei böswillig und wolle sich vor Anmeldung der Insolvenz Vorteile verschaffen, ist realitätsfremd. Da haben wir bei Creditreform viel Aufklärungsarbeit leisten müssen. Aber inzwischen hat die Bundesregierung endlich verstanden, welch missliche Situation entstanden ist, und steuert dagegen. Es gibt einen Regierungsentwurf, der die wesentlichen Punkte repariert. Und der berücksichtigt, dass es völlig normal ist, eine Stundungsvereinbarung zu treffen, wenn ein Geschäftspartner vorübergehend leidet.

Also Entwarnung an dieser Stelle …?
Ja. Wir hoffen, dass der Regierungsentwurf zügig umgesetzt wird und Beruhigung eintritt. Denn es ist erschreckend, wie viele Unternehmen mit teilweise erheblichen Beträgen betroffen sind. Auch bei unseren Seminaren gibt es regelmäßig großen Zuspruch, wenn es um das Thema Insolvenzanfechtung geht.

Welche Dienstleistungen nehmen Creditreform-Mitglieder ansonsten besonders häufig in Anspruch?
Zunehmend gefragt ist das Monitoring von Bestandskunden. Das macht Sinn, meist sind 90 Prozent der Kunden, die ein Unternehmen hat, langjährige Bekannte. Aber auch eine 20- oder 25-jährige erfolgreiche Zusammenarbeit schützt nicht vor Zahlungsausfällen oder Insolvenz. Deshalb sollte es selbstverständlich sein, nicht nur Neukunden zu prüfen, sondern auch Bestandskunden einem regelmäßigen Monitoring zu unterziehen. Das war in Deutschland lange Zeit nicht üblich, ändert sich aber jetzt.

Gibt es bald weitere neue Leistungen für die Creditreform-Mitglieder?
Wir wollen den Kontakt zu unseren Mitgliedern intensivieren. Zu diesem Zweck möchten wir ein internetbasiertes Portal installieren, auf dem sich nicht nur Daten und Informationen abrufen lassen. Mehr möchte ich noch nicht verraten. Wir sind noch in der Konzeptionsphase.

Das Interview führte Stefan Weber für das Unternehmermagazin Creditreform.

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